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Samstag, 31 Oktober 2020 14:25

Ungewisse Zukunft - AlarmstufeRot

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Logo Alarmstufe Rot Logo Alarmstufe Rot ©Alarmstuferot / Viola Henke

Lange war's ruhig auf dieser Seite. Unfreiwillig, selbsterklärend, mit Verständnis für die Situation, abwartend.

Diesen Blog schreibe ich nun am 31.10.2020. Er soll sich auch nicht damit beschäftigen, wer welche Meinung vertritt und weder Corona-Leugnern noch Corona-Hardlinern Raum bieten. Es geht schlichtweg um das langsame Sterben einer kompletten Branche.

Siebeneinhalb Monate sind vergangen, seit uns Covid19 im unerbittlichen Griff hält. Siebeneinhalb Monate, in denen der Großteil aller in unserer weitumfassenden Branche Tätigen unverschuldet und staatlich verordnet null bis sehr wenig Einkommen hatte. Siebeneinhalb Monate, in denen Techniker, viele kleine Künstler, Caterer, Eventlocations, Bühnen- und Messebauer, Schausteller, Clubs, alle drumherum Beschäftigten oder Selbständigen und Dienstleister, wir DJs und viele mehr hoffen und bangen. Siebeneinhalb Monate, in denen sich von Tag zu Tag mehr die Frage stellt, wie lange viele von uns noch durchhalten können und warum wir scheinbar nicht systemrelevant sind, wenn es um Unterstützung geht. Systemrelevant kommt übrigens auf meine persönliche Liste zu den "Unwörtern des Jahres". So wie bestimmt auch bei vielen Pflegern und Altenpflegern, Krankenschwestern und Ärzten, die ja systemrelevant ausgiebigst beklatscht wurden, aber oft noch auf den versprochenen Bonus warten oder ihn gar nicht erst bekommen. 

Wir haben hier eine nie dagewesene Situation. Kaum einer hat sich vorstellen können, was nun in diesem Jahr und voraussichtlich mindestens auch 2021 auf uns einprasselt und unser aller Leben nachhaltig auf den Kopf stellt. Eine gewaltige Kraftanstrengung für viele Branchen, die Gesellschaft und auch die Politik liegt schon hinter und leider auch noch vor uns. Ungewissheit, Sorge, oft genug auch Ungläubigkeit sind manchem zum ständigen Begleiter geworden. Während der Staat innerhalb weniger Wochen Milliarden und Lösungen zur Rettung großer Firmen mit ebenso großer Lobby bereitstellte, krebst der allergrößte Teil der vielen Solo-Selbständigen und Kleinunternehmer mit einer einmaligen Soforthilfe herum, die in vielen Fällen auch noch zurückgezahlt werden muss und das Überleben nur für wenige Wochen gesichert hätte. Seitdem ist passiert - nichts. Dabei stellt die Veranstaltungsbranche den sechstgrößten Wirtschaftszweig Deutschlands mit über 1,5 Millionen Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 130 Milliarden Euro. Vielleicht sind viele einzelne künftige Arbeitslose nicht so spektakulär wie die Pleite eines Groß-Unternehmens...?     

Mir persönlich geht es vergleichsweise gut. Der Schritt in meine ausschließliche Selbständigkeit liegt noch nicht so lange zurück, und ich hätte ihn ohne Backup so auch nicht getan, dafür bin ich wohl immer noch zu wenig No Risk No Fun. Rücklagen konnte ich noch nicht bilden, dafür bedürfte es vieler Jahre mit vielen Aufträgen. Auch habe ich keine Stornogebühren für die vielen vielen gecancelten Aufträge dieses Jahres erhoben. Das Glück eines Backups haben viele in der Branche nicht. Viele leben allein, viele haben Partner, die im gleichen Beruf tätig sind, viele Eheleute führen gemeinsam ein kleines Familienunternehmen, viele haben schlicht und einfach nur noch pure Existenzängste und wären vielleicht auch gern ein kleines bisschen Lufthansa oder Hersteller von Klopapier..... Dies ist der Grund, warum ich die Initiative #AlarmstufeRot unterstütze und am Mittwoch, 28.10.2020, an der zweiten Großdemo in Berlin teilgenommen habe. Im übrigen unter Kritik einiger Teile des persönlichen Umfelds wie Freunden oder Bekannten. "Du fährst nach Berlin? Ins absolute Risikogebiet?" - Ja! Ich kann mich schützen und mich an Regeln halten und im übrigen versuchen, meinen Alltag nicht nur noch von Angst und Panik, sondern von gebotener Vorsicht regieren zu lassen. "Ausflüge" wie dieser gehören weiß Gott auch nicht zu meinem derzeitigen täglichen Procedere, das sich momentan auf zu Hause, Lebensmitteleinkäufe und ab und an eine Joggingrunde beschränkt. Aber: Bis weite Teile unseres Landes kein Risikogebiet mehr sein werden, ist es für die Event- und Veranstaltungsbranche in großen Teilen zu spät zum Demonstrieren - wenn bis dahin nichts passiert und Hilfen weiterhin ausbleiben. 

Mir sind in Berlin viele Menschen begegnet, die mit ihrer Firma, ihrer beruflichen Existenz vor dem Aus stehen. Lebensversicherungen, Altersvorsorgen werden/wurden gekündigt, Kredite aufgenommen, Hilfsjobs, die aber auch nicht in Massen auf der Straße liegen, angenommen und das Schlimme ist - die Verluste werden ja auch nicht wieder hereingeholt werden können. Aussicht auf Besserung ist ganz einfach nicht da. Natürlich gibt es die schwarzen Schafe auch in unserer Branche, es gab illegale Veranstaltungen, wenige Bars oder Clubs, in denen Hygienemaßnahmen nichts weiter waren als ein Wort. Aber der allergrößte Teil hat, sofern er denn überhaupt die Chance hatte zu arbeiten, unter großem Aufwand Hygienekonzepte entwickelt, sich an Auflagen gehalten und versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Nun geht es ab Montag, 2.11., bis zunächst 30.11. (und davon abgesehen ohnehin für die meisten auf unabsehbare Zeit) wieder von vorn los und es trifft die Event- und Veranstaltungsbranche erneut am härtesten. Im Gegensatz zum Lockdown im Frühjahr wurden dieses Mal betroffenen Unternehmern und Unternehmen von Vornherein 75% des vergleichbaren Vorjahresumsatzes in Aussicht gestellt, für größere Betriebe mit Obergrenze. Das ist natürlich sehr viel besser als bisher, ändert aber rein gar nichts an den Null-Einnahmen der vergangenen Monate. 

Zur Demo, der sich auch der Gaststättenverband Dehoga sowie der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft angeschlossen hatten: Hygienemaßnahmen, Abstand, Maske - wahrscheinlich ist an kaum einem anderen Ort in Deutschland so sehr darauf geachtet worden wie am 28.10. auf dieser Veranstaltung in Berlin. Immer wieder wurde während des Demonstrationszuges auf die strenge Einhaltung des Konzeptes und aller geltenden Maßnahmen hingewiesen genau wie die teilweise am Rand stehende Bevölkerung darauf, dass Corona-Leugner mit der Demo nichts zu tun hatten und gerade eine ganze Branche stirbt. Gehör verschaffen war eine der Devisen und das wurde eindrucksvoll umgesetzt. Laut sollte es werden, laut und noch einmal laut, Hautsache laut. Auf den den Demonstrationszug begleitenden LKWs spielten teilweise Bands oder DJs und gaben ordentlich auf die Ohren- mit viel Abstand, wie ein paar Fotos vielleicht auch zeigen. 

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Auf der gewählten Route zwischen Alexanderplatz und Brandenburger Tor standen immer wieder Menschen auf Balkonen, in geöffneten Fenstern, vor den Türen/Eingängen oder waren als Passanten unterwegs und bekundeten oftmals mit Beifall ihre Zustimmung. Ein ganz anderes Bild zeigte sich auf den letzten Metern der Demo durch das Regierungsviertel. Auf den vielen verglasten Gängen oder an den Fensterfronten konnte ich nicht eine zuschauende Person ausmachen. Vielleicht waren all die Abgeordneten, Staatssekretäre und Ministeriumsmitarbeiter ja zu emsig mit dem Schnüren eines Rettungspakets für die Veranstaltungsbranche beschäfigt...*Ironie off*.

Angekommen am Brandenburger Tor, dem Ort der Abschlusskundgebung, gab es einen zeitlichen Slot für diverse Teilnehmende oder Interessenvertreter, aber auch Politiker. Die Herren Altmaier, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, und Scholz, Vizekanzler und Finanzminister, ihres Zeichens Ansprechpartner für den Rettungsdialog, waren eingeladen. Sie ließen sich entschuldigen und -kein Scherz- die Teilnehmer herzlich grüßen *Ironie nochmals off*. Herr Altmaier schickte seinen Parlamentarischen Staatssekretär Thomas Bareiß, der in blumigen Worten ("...müssen ganz konkret helfen........ganz konkrete Maßnahmen schaffen.....ganz konkret ist klar.....konkrete Unterstützung.....müssen ganz konkrete Gespräche führen...") viel redete und wenig sagte. Na Herr Bareiß, dann bitten Sie Ihren Dienstherren doch mal ganz konkret um sofortige konkrete Lösungsvorschläge, ganz konkrete unbürokratische Hilfe -nicht in 3 Monaten, sondern ganz konkret jetzt- und ganz konkrete Solidarität mit einer konkret am Boden liegenden Branche. Hab ich schon erwähnt, dass ganz konkret auch auf meiner "Unwörter des Jahres"-Liste landet?

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U.a. standen auch Robert Habeck und Katrin Göring-Eckardt vom Bündnis 90/Die Grünen auf der Bühne, die überwiegend den richtigen Ton trafen. Allerdings ist es leicht, aus der Opposition heraus gegen die bisherige Politik zu wettern. Wenn denn Worten ganz konkret Taten folgen könnten.... Treffend und launig auch die Reden von Campino und Didi Hallervorden, um hier stellvertretend einmal die Bekanntesten zu nennen, und die Moderation Aljosha Höhns.

Ein großes Dankeschön an die Organisatoren von #AlarmstufeRot, die gezeigt haben, dass man auch in Zeiten von Corona sicher demonstrieren und sich Gehör verschaffen kann. Sollte sich in den nächsten beiden Wochen, wie es in der Bundestagssitzung vom 30.10. vom CDU-Abgeordneten Carsten Müller ich will gar nicht sagen versprochen wurde, dann doch nichts tun, werde ich selbstverständlich weiterhin demonstrieren.

Ein großes Dankeschön auch an euch alle da draußen, die unsere Dienste gern in Anspruch nehmen: Denkt dran, dass unter den bisherigen Rahmenbedingungen kein Konzert, kein Theater- oder Kinobesuch, kein Festival, keine Hochzeits-, Geburtstags- oder Firmenfeier mit DJ, keine Fachmesse, kein Weihnachtsmarkt oder Volksfest, kein Clubbesuch, keine Kleinkunstbühne, keine Reise mit dem kleinen Busunternehmen, kein Feierabendbier in der kleinen Kneipe oder kein Essen im Lieblingsrestaurant um die Ecke, kein Kurs im kleinen Fitnessstudio und vieles andere in unserem zukünftigen Leben eine Selbstverständlichkeit sein werden. Weil es diese Dinge nämlich in der bisherigen Vielfalt so nicht mehr geben könnte.

Kultur, Musik, Sport, Konzerte, gemeinsame Theaterabende, eine zünftige Geburtstagsfeier, der Besuch z.B. auf dem Hamburger Dom, ein Restaurantbesuch sind Lebensfreude und Leidenschaft und tragen sicher erheblich und ganz außerordentlich dazu bei, dass es unserer Psyche gut geht, wir mal vom Alltag abschalten und uns fallenlassen und wohlfühlen. Insofern ist all das ganz bestimmt auch systemrelevant. Wenn das noch rechtzeitig in den Politikerköpfen ankommt, streiche ich das Wort auch von meiner "Unwörter des Jahres"-Liste. 

Read 9468 times Last modified on Mittwoch, 20 Januar 2021 17:24

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